Aufklärung XXL T2: Linux statt Windows Ein Einblick für alle, die über einen Umstieg nachdenken
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Wie ein Umstieg im Alltag tatsächlich abläuft
Im ersten Teil ging es um die strategische Frage, warum Linux plötzlich wieder diskutiert wird. Nun schauen wir auf die praktische Seite;
Eine 72-jährige Seniorin bringt ihr acht Jahre altes Notebook mit. Windows 10 läuft stabil, doch das angekündigte Support-Ende verunsichert sie. Ein neues Gerät möchte sie nicht kaufen. „Ich brauche doch nur E-Mails, Internet und meine Briefe“, sagt sie. Die Frage lautet nicht mehr, ob es Alternativen gibt – sondern wie sich ein Umstieg konkret anfühlt.
Der erste Start: Vertraut – aber nicht identisch
Nach der Installation wirkt Linux zunächst überraschend unspektakulär. Der Desktop zeigt eine Leiste am unteren Bildschirmrand, ein Menü links, Symbole für Browser und Dateien. Viele Linux-Varianten – etwa Linux Mint oder Ubuntu – orientieren sich bewusst an bekannten Bedienmustern. Das ist kein Zufall, sondern eine gestalterische Entscheidung: Wer wechselt, soll sich nicht komplett neu orientieren müssen. Dennoch gibt es Unterschiede. Menüs sind teilweise anders strukturiert, Einstellungen befinden sich an anderen Stellen, Bezeichnungen weichen leicht ab. Für Menschen, die über Jahre oder Jahrzehnte mit Windows gearbeitet haben, entsteht zunächst ein Moment der Irritation. Dieser Moment bedeutet nicht, dass das System komplizierter ist. Er zeigt lediglich, dass Gewohnheiten neu sortiert werden. Die sogenannte Kommandozeile – also die Eingabe von Textbefehlen – existiert weiterhin, spielt im typischen Alltagsbetrieb jedoch keine Rolle. Für E-Mails, Internet, Textverarbeitung oder Fotoverwaltung genügt die grafische Oberfläche vollständig.
Programme und Office: Zwei Systeme, zwei Ansätze
Ein deutlicher Unterschied zeigt sich bei der Installation von Programmen. Unter Windows suchen viele Nutzer im Internet nach einer Anwendung, laden eine Installationsdatei herunter, starten diese und bestätigen mehrere Schritte. Dieser Ablauf ist vertraut, setzt jedoch voraus, dass der Nutzer zwischen seriösen und unseriösen Downloadquellen unterscheiden kann. Linux verfolgt meist ein anderes Prinzip. Programme werden über eine zentrale Softwareverwaltung installiert. Diese funktioniert ähnlich wie ein App-Store: Anwendung auswählen, installieren – das System übernimmt die restlichen Schritte. Die Programme stammen aus geprüften Paketquellen, was das Risiko ungewollter Zusatzsoftware reduziert. Hier zeigt sich kein „besser“ oder „schlechter“, sondern eine andere Systemphilosophie.
Besonders häufig wird die Frage nach Microsoft Office gestellt. Anwendungen wie Word oder Excel laufen unter Linux nicht direkt im System. Stattdessen kommen Open-Source-Programme wie LibreOffice zum Einsatz. „Open Source“ bedeutet, dass der Quellcode – also der technische Bauplan – öffentlich zugänglich ist und gemeinschaftlich weiterentwickelt wird. Anders als bei kommerziellen Lizenzmodellen kann die Software frei genutzt und angepasst werden.
LibreOffice bietet Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramme mit vergleichbarem Funktionsumfang für alltägliche Aufgaben. Dokumente im Word- oder Excel-Format lassen sich in der Regel öffnen und speichern. Unterschiede zeigen sich vor allem bei sehr komplexen Layouts oder speziellen Makros. Für private Briefe, Vereinsprotokolle oder Haushaltslisten reicht die Funktionalität meist problemlos aus.
Welche Linux-Version – und für wen?
Anders als bei Windows existiert Linux nicht in nur einer Ausgabe. Es gibt verschiedene sogenannte Distributionen. Eine Distribution ist eine Kombination aus dem Linux-Kern, einer Benutzeroberfläche und vorinstallierten Programmen. Der technische Unterbau ist ähnlich, doch Bedienoberfläche und Ausrichtung unterscheiden sich.
Ubuntu gehört zu den bekanntesten Varianten. Es wird weltweit eingesetzt und regelmäßig weiterentwickelt. Die Oberfläche ist modern, teilweise aber anders strukturiert als klassische Windows-Layouts. Für technisch Interessierte ist Ubuntu gut geeignet, absolute Einsteiger benötigen unter Umständen etwas Eingewöhnung.
Linux Mint orientiert sich stärker an der gewohnten Windows-Optik. Menü links, Leiste unten, klare Struktur. Gerade für Senioren oder langjährige Windows-Nutzer gilt Mint häufig als besonders zugänglich. Schlankere Varianten wie Xubuntu oder Lubuntu wurden speziell für ältere, leistungsschwächere Geräte entwickelt. Sie verzichten auf grafische Effekte und arbeiten ressourcenschonend. Entscheidend ist daher nicht die Frage nach der „besten“ Version, sondern nach der passenden. Wer möglichst wenig Umgewöhnung möchte, wählt eine Distribution mit vertrauter Oberfläche.
Sicherheit, Updates und Stabilität
Oft wird Linux als grundsätzlich „virenfrei“ beschrieben. Das ist technisch nicht korrekt. Jedes Betriebssystem kann Sicherheitslücken enthalten. Allerdings unterscheidet sich die Bedrohungslage. Windows ist im privaten Bereich deutlich stärker verbreitet und daher attraktiver für massenhafte Schadprogramme. Linux ist im Desktop-Bereich seltener vertreten, was es statistisch weniger häufig zum Ziel macht.
Hinzu kommt die Systemarchitektur. Benutzerrechte sind strenger getrennt, Programme erhalten nicht automatisch vollständige Systemzugriffe. Die zentrale Paketverwaltung reduziert zudem das Risiko manipulierten Downloads. Regelmäßige Updates bleiben dennoch notwendig – Sicherheit entsteht nicht automatisch, sondern durch Pflege.
Auch bei der Stabilität zeigen sich Unterschiede im Ansatz. Windows wird zentral gesteuert und erhält regelmäßig größere Funktionsupdates. In den vergangenen Jahren führten einzelne Aktualisierungen zu Treiber- oder Druckerproblemen, wie Fachmedien dokumentierten. Linux-Distributionen setzen häufig auf langfristig gepflegte Versionen mit stabiler Basis. Größere Änderungen erfolgen kontrollierter und seltener erzwungen.
Für Senioren kann diese Kontinuität ein Vorteil sein. Das System verändert sich weniger abrupt, neue Funktionen werden nicht automatisch aufgedrängt. Gleichzeitig gilt auch hier: Kein System ist vollständig fehlerfrei. Unterschiede zeigen sich eher in der Update-Strategie als in absoluter Stabilität.
Komplizierter – oder nur anders?
Die Frage, welches System komplizierter ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Komplexität entsteht oft durch Gewohnheit. Wer jahrzehntelang mit Windows gearbeitet hat, empfindet jede Abweichung zunächst als anspruchsvoll. Das bedeutet jedoch nicht, dass das neue System objektiv schwieriger ist. Für typische Alltagsaufgaben ist Linux nicht komplizierter, sondern anders strukturiert. Die Installation von Programmen über zentrale Paketquellen kann sogar übersichtlicher wirken. Gleichzeitig erfordern spezielle Windows-Anwendungen oder bestimmte Treiberlösungen eine genauere Prüfung.
Ob sich die Umstellung für Senioren lohnt, hängt weniger vom Alter als von der Nutzung und der Bereitschaft zur Anpassung ab. Wer offen für einige Tage Eingewöhnung ist, kann ein stabiles, ruhiges System erhalten, das ältere Hardware sinnvoll weiterverwendet. Wer dagegen keinerlei Veränderung wünscht oder auf bestimmte Windows-Programme angewiesen ist, wird mit dem gewohnten System möglicherweise besser fahren.
Die eingangs erwähnte Rentnerin entschied sich für den Versuch. Nach kurzer Zeit blieb vor allem eine Erkenntnis: Es fühlte sich nicht fremd an – nur neu. Und neu bedeutet nicht automatisch kompliziert.

Fazit
Der zweite Blick auf Linux zeigt vor allem eines: Ein Umstieg scheitert selten an der Technik, sondern an Unsicherheit. Viele Menschen – besonders ältere – befürchten, sie müssten ein völlig fremdes System lernen. In der Praxis ist Linux im Alltag jedoch oft weniger spektakulär, als sein Ruf vermuten lässt. Oberfläche, Mausbedienung, Dateiverwaltung und Internetnutzung fühlen sich vertraut an, auch wenn Menüs anders heißen oder Funktionen an anderer Stelle liegen.
Die größten Unterschiede zu Windows liegen weniger im „Können“, sondern im „Wie“. Programme werden unter Linux häufig über eine zentrale Softwareverwaltung installiert – ein Ansatz, der Einsteigern sogar Orientierung geben kann, weil er die Suche nach dubiosen Downloadseiten überflüssig macht. Auch das Update-Modell ist in vielen Distributionen ruhiger, weniger aufdringlich und stärker auf Stabilität ausgelegt, was gerade für Menschen wichtig ist, die ihren Computer als Werkzeug und nicht als Dauerbaustelle erleben wollen.
Gleichzeitig ist Linux kein Zauberschild. Auch hier braucht es Updates, auch hier sind Sicherheitslücken möglich, auch hier kann etwas haken – nur verteilt sich das Risiko anders. Weil Windows im privaten Markt dominiert, zielt die meiste Schadsoftware auf Windows. Linux profitiert zusätzlich von einer strengeren Rechteverwaltung und dem häufig zentraleren Bezug von Software. Das macht den Alltag nicht automatisch sorgenfrei, aber oft robuster gegenüber typischen Massenproblemen.
Ob Linux sich für Senioren lohnt, hängt am Ende an einer einfachen, ehrlichen Abwägung: Wer überwiegend surft, E-Mails schreibt und Dokumente erstellt, kann mit einer einsteigerfreundlichen Distribution wie Linux Mint sehr gut zurechtkommen – gerade auf älteren Geräten, die unter Windows 11 außen vor bleiben. Wer jedoch auf spezielle Windows-Programme angewiesen ist oder keinerlei Veränderung akzeptieren möchte, wird mit dem bekannten System ruhiger schlafen.
Der entscheidende Punkt ist damit nicht das Alter, sondern die Passung. Linux ist heute keine Nerd-Spielwiese mehr – aber auch kein Muss. Es ist eine Option, die dann überzeugt, wenn sie zum Leben der Nutzer passt.
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