Wenn Speicher zum strategischen Gut wird: Die neue Chipkrise und ihre Folgen für Verbraucher
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Warum RAM, SSDs und Chips knapp und teuer sind – und was das für Verbraucher bedeutet

Von [Jennifer Bristow], [19.02.2026]
Am Ende des Jahres 2025 zeichnete sich eine Entwicklung ab, die viele Branchen und Verbraucher unmittelbar zu spüren bekommen: Die Preise für zentrale elektronische Bauteile wie Arbeitsspeicher (RAM) und Solid-State-Drives (SSDs) stiegen dramatisch. Eine 1-Terabyte-SSD, die im Einkauf noch Ende 2025 rund 65 Euro kostete, lag Anfang 2026 bei etwa 149 Euro netto. Gleiches Bild bei Arbeitsspeicher: Für ein 16-Gigabyte-DDR5-Modul zahlten wir zum Jahresende 2025 rund 70 Euro, heute sind es nahe 200 Euro netto im Einkauf. Diese Preisentwicklung ist kein vorübergehender Ausrutscher, sondern ein sichtbares Zeichen einer strukturellen Speicher- und Chipkrise, die sich seit 2024 aufgebaut hat und sich über das Jahr 2026 hinaus fortsetzt.
Im Unterschied zur großen Chipknappheit der Jahre 2020 bis 2023 – ausgelöst durch pandemiebedingte Lieferkettenstörungen und Produktionsausfälle – beruht die aktuelle Krise auf grundlegenden Veränderungen in der globalen Nachfrage und Produktionsausrichtung der Halbleiterindustrie. Die Ursachen liegen weniger in blockierten Häfen oder stillstehenden Fabriken, sondern in einer massiven Verschiebung der Nachfrage hin zu künstlicher Intelligenz und Rechenzentrumsinfrastruktur. Diese Entwicklung verändert die Prioritäten
der Hersteller – und damit auch die Verfügbarkeit klassischer Komponenten für Verbraucher.
Hier Zwei Kurze Grafiken die den Unterschied sichtbar machen :


Vom Überfluss zur Verknappung: Die Rolle der KI-Infrastruktur
Seit 2024 steigt die Nachfrage nach Speicherchips, insbesondere DRAM und NAND-Flash, rasant an. Diese Chips sind zentrale Bausteine nicht nur für PCs und Notebooks, sondern vor allem für Serverfarmen und KI-beschleunigte Systeme. High-Bandwidth Memory (HBM), eine spezialisierte Form von DRAM für KI-Beschleuniger, benötigt aufgrund seiner komplexen Fertigung deutlich mehr Produktionskapazität pro Einheit als herkömmlicher Arbeitsspeicher. Hersteller wie Samsung, SK Hynix und Micron haben deshalb begonnen, Fertigungslinien umzurüsten und Kapazitäten gezielt in Richtung KI-Speicher zu verschieben.
Die Folge ist ein struktureller Engpass im klassischen Markt für DDR-Arbeitsspeicher und NAND-Flash für SSDs. Parallel dazu sichern sich große Technologiekonzerne langfristig Produktionskapazitäten. Unternehmen wie Google, Microsoft, Amazon, Meta oder OpenAI schließen mehrjährige Abnahmeverträge mit Speicherherstellern ab, teils bis 2027 oder 2028. Damit sind große Teile der kommenden Produktion bereits gebunden, bevor sie überhaupt in den freien Markt gelangen.
Preisschock und Marktmechanik
Diese Verschiebung zeigt sich unmittelbar in den Preisen. Seit Anfang 2025 haben sich die Einkaufspreise für DDR5-Module und SSD-Speicher in vielen Bereichen verdoppelt oder sogar verdreifacht. Händler und Systemintegratoren berichten von kurzfristigen Preisanpassungen, unsicheren Lieferzeiten und eingeschränkter Planbarkeit.
Auch OEM-Hersteller stehen unter Druck. Notebooks, Desktop-Systeme und Server werden teurer, da Speicher einen erheblichen Anteil der Materialkosten ausmacht. Selbst klassische Festplattenmärkte zeigen zunehmende Engpässe. In der Branche ist zunehmend von einem „Superzyklus“ die Rede – einer längerfristigen Phase stark erhöhter Nachfrage und hoher Preise, die mehrere Jahre anhalten könnte.
Strategische Neuausrichtung bei (Chip)Herstellern
Ein besonders deutliches Signal setzte Micron Technology. Das Unternehmen kündigte an, sich aus dem klassischen Endkundensegment weitgehend zurückzuziehen und die Marke „Crucial“ einzustellen. Der Fokus verlagert sich klar in Richtung Datacenter- und KI-Speicher. Parallel investiert Micron – ebenso wie andere Hersteller – massiv in neue Fertigungsanlagen, insbesondere für HBM-Produktion.
Diese strategischen Entscheidungen spiegeln die ökonomische Realität wider: Speicher für KI-Anwendungen erzielt deutlich höhere Margen als klassische Verbraucherprodukte. Solange die Nachfrage aus Rechenzentren weiter wächst, werden Produktionskapazitäten entsprechend priorisiert.
Ausblick: Wann ist Entspannung realistisch?
Branchenanalysen gehen davon aus, dass sich die Lage frühestens ab Ende 2027 spürbar entspannen könnte. Neue Fabriken benötigen mehrere Jahre Planung, Bauzeit und Hochlauf. Selbst wenn zusätzliche Kapazitäten entstehen, ist unklar, ob sie primär dem Endkundenmarkt zugutekommen oder weiterhin dem KI-Segment vorbehalten bleiben.
Zudem spielen geopolitische Faktoren, staatliche Förderprogramme und Handelsbeziehungen eine Rolle. Die Halbleiterindustrie ist heute stärker politisiert als je zuvor. Förderprogramme in den USA, Europa und Asien sollen die Produktion stabilisieren – doch der Aufbau moderner Fertigung ist komplex und kapitalintensiv.
Für Verbraucher bedeutet das: Speicherpreise dürften auf absehbare Zeit erhöht bleiben. Kurzfristige Entlastung ist nicht in Sicht, da die strukturelle Nachfrage aus dem KI-Sektor weiter wächst.
Fazit
Die aktuelle Speicherkrise ist keine Wiederholung der Pandemie-Engpässe, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden Marktverschiebung. Künstliche Intelligenz und der Ausbau globaler Rechenzentren verändern die Prioritäten der Halbleiterindustrie nachhaltig. Produktionskapazitäten werden dort eingesetzt, wo die höchsten Margen erzielt werden – im Datacenter- und KI-Segment.
Für klassische Verbraucherprodukte wie SSDs und Arbeitsspeicher bedeutet das: geringere Verfügbarkeit, höhere Preise und eine langfristig veränderte Marktstruktur. Erst mit dem Ausbau neuer Fertigungskapazitäten und einer möglichen Stabilisierung der KI-Nachfrage könnte sich die Lage wieder normalisieren. Bis dahin bleibt Speicher ein strategisches Gut – und kein selbstverständlicher Massenartikel mehr.







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